24. 11.:Mit dem Fahrrad durch Syrien

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Veröffentlich: 5. November 2017 (vor 2 Wochen )

„Syrien…? Ist das nicht zu gefährlich?“
Mit dem Fahrrad durch das Land am Euphrat
Ein Reisebericht von Hans Neumann

Diese Frage war unisono die Reaktion von Freunden, Bekannten, Kollegen und Verwandten, als ich denen von meinem Vorhaben erzählte.
Zugegeben – etwas mulmig war mir schon, denn bisher hatte ich überwiegend Länder in West-Europa mit dem Fahrrad bereist, aber nicht solch ein exotisches wie Syrien. Und Syrien kann man nicht gerade als „typisches Urlaubsland“ bezeichnen, wo sich die Touristen in Scharen tummeln.
Aber – wie sich herausstellen sollte – war meine Entscheidung goldrichtig!
Gleich am ersten Tag wurde ich mit der sprichwörtlichen Gastfreundschaft der Araber konfrontiert. Ich wurde morgens zum Essen eingeladen, abends ebenfalls zum Essen und zum Übernachten. Das kam mir sehr gelegen, denn wo übernachtet man in einem Land, in dem es außer in großen Städten keine Hotels gibt?
Die Gastfreundschaft zog sich wie ein roter Faden durch die sechs Wochen im Jahr 2002, in denen ich das Land bereiste.
Mein errechnetes Tagespensum schaffte ich nie, denn ich wurde, wenn nicht zum Essen, doch zumindest zum Tee eingeladen; sei es von Bauarbeitern, Ladenbesitzern, Viehhirten, Polizisten oder vielen anderen.
Während der Fahrt am Euphrat entlang hatte ich zweimal sehr intensiven Kontakt mit dem Geheimdienst, der sich aber sehr höflich und korrekt verhielt.
Die Stadt Rakka, durch die ich gefahren bin und sehr schöne Erinnerungen habe, ist heute Hauptstadt des IS.
Eine außergewöhnliche Begegnung hatte ich mit einem Mitglied der syrischen Nationalequipe der Radrennfahrer.
Die einwöchige Fahrt durch die syrische Wüste war sehr abenteuerlich, zumal ich mich auf ungewohntem Terrain bewegte: Wüstenerfahrung fehlte mir gänzlich!
Aber auch hier kam ich in Genuss der Gastfreundschaft der Wüstenbewohner, der Beduinen. Ich stellte mein Zelt immer neben deren Zelte auf, wurde aber immer zum Essen hinein gebeten. Die Mahlzeiten waren denkbar einfach: saure Milch, dazu jede Menge Fladenbrot und Tee. Wenn ich Glück hatte, gab es Magduhn, sauer eingelegte Auberginen, die ich mit Vorliebe aß.
Faszinierend war die Ruinenstadt Palmyra mitten in der Syrischen Wüste, wo schon 7000 Jahre v.Chr. Menschen siedelten.
Allerdings sind Grabmäler, Monumente, Klöster und antike Bauwerke, die z. T. 2000 Jahre überlebt haben, im jahr 2015 in Sekundenbruchteilen vom IS pulverisiert worden.
Die quirlige Hauptstadt Damaskus ist eine der interessantesten Städte, die ich weltweit kenne. Ich besuchte mehrmals die Omayaden-Moschee und den Souk.
Ein weiterer Höhepunkt war der Besuch des „schönsten Dorfes in Syrien“, nämlich Maalula. Es ist der einzige Ort, in dem noch aramäisch, die Sprache Jesu, gesprochen wird. In einem Kloster las mir ein Mönch das Vaterunser auf aramäisch vor.
In den Bergen des Antilibanon wurde ich von einem heftigen Schneesturm überrascht.
Die weitere Route führte mich zum „Crac de Chevalier“, einer riesigen Kreuzritter-Burg,
an die Küste, nach Hama mit seinen 500 Jahre alten Wasserrädern aus Holz, nach Aleppo und nach Ebla, einer 5000 Jahre alten Siedlung.
Aleppo, die am längsten durchgehend bewohnte Stadt der Welt, in der ich noch die malerischen Soukhs und die gewaltige Zitadelle im Zentrum der Stadt gesehen ( und fotografiert) habe, ist heute weitgehendst zerstört.
Beeindruckend war neben der Herrlichen Landschaft, der Gastfreundschaft und den vielfältigen Kulturdenkmälern das friedliche Miteinander der vielen Religionsgemeinschaften.
Neben den verschiedenen Richtungen des Islam leben allein elf christliche Konfessionen in dem Land! Der beste Freund eines moslemischen Professors, den ich in Damaskus kennen gelernt hatte, war Jude.
Ein Wermutstropfen: aufgrund der mangelnden Bildung, Desinformation und antisemitisch gefärbter Schulbücher, besteht bei bildungsfernen Schichten eine große Ablehnung gegenüber den Juden, und Hitler erfährt große Verehrung…

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