KUBA – mit dem Fahrrad durch ein Land voller Widersprüche Centre Bagatelle, Zeltinger Str. 6 13465 Berlin-Frohnau, Fr. 18. Mai 19:30 Uhr

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Veröffentlich: 26. März 2018 (vor 4 Wochen )

KUBA

6 Wochen mit dem Fahrrad durch ein Land voller Widersprüche

Kaum hat man den Flughafen Varadero verlassen, springen einem schon die überdimensionierten Propagandatafeln ins Gesicht:
„Socialismo o muerte!“ (Sozialismus oder Tod)
„Hasta la victoria, siempre!“ (Bis zum immerwährenden Sieg)
Sie sollten mich täglich während meiner Tour durch Kuba begleiten. Nur wenn man die letzten 15 Kilometer auf der Hicacos-Halbinsel bis zum Ende fährt, wo sich die 5-Sterne-Luxus-Hotels befinden, wo der Blick der All-inclusive-Touristen auf die türkisfarbene Karibik nicht durch antiquierte, realitätsfremde und kaum interessierende Revolutionssprüche aus einem fernen Jahrhundert stören sollen, wo Polizeikontrollen verhindern, dass außer Hotelangestellten und Bauarbeitern kein Kubaner dieses vermeintliche Touristenparadies zu Gesicht bekommen – dort bleibt man verschont von
den Konterfeis der Helden der Revolution.
Kuba ist ein Paradies für Radfahrer. Bis auf die sehr anspruchsvolle Passstrasse „La Farola“ von Baracoa nach Cajobabo radelt man überwiegend auf flacher Strecke. Der Verkehr ist sehr mäßig, und selbst als ich auf der Autobahn von Guantanamo nach Santiago de Cuba im „Berufsverkehr“ fuhr, überholten mich nur gelegentlich Autos. Dafür war die rechte Spur für Pferdekutschen, Ochsenkarren und Radfahrer reserviert.
Dadurch, dass ich in den 6 Wochen nicht einmal im Hotel, sondern nur privat übernachtet hatte („Casas particulares“), bekam ich einen guten Einblick in die Lebensweise der „besser gestellten“ Kubaner.
Besser gestellt, weil sie durch den Kontakt mit Touristen an die beliebten CUC’s kamen, der an den Dollar geknüpften konvertierbaren Währung, mit der man so ziemlich alles kaufen kann, wenn auch zu hohen Preisen. Das Angebot in den staatlichen Läden war sehr spärlich, ja sogar erbärmlich. In den Auslagen standen oft nur eine Flasche Öl, Saft oder 3 Tuben Zahnpaste. Als Schaufenster-Dekoration wählte man Aufwischlappen, Gummiringe, angestaubte Unterhosen und irgendwelche Metallteile. Eins gab es überall und im Überfluss: Rum. Ich hatte den Eindruck, die Kubaner sehen das (zugegeben leckere) Getränk als Grundnahrungsmittel an.
Von den vielen Widersprüchen im Land sei nur ein sehr gravierender genannt: viele Akademiker, Ärzte, Juristen, Professoren, Lehrer und andere versuchen, in irgend einer Weise in den Tourismus-Sektor zu kommen, weil man dort ein vielfaches von dem verdient, was man in seinem eigentlichen Job verdienen würde. So betrieb z.B. ein Zahnarzt eine Privat-Pension mit 4 Zimmern, die ihm täglich etwa 72 € neinbrachten, die allerdings versteuert werden müssen. Dazu kamen noch die sehr leckeren Mahlzeiten, die nicht versteuert werden müssen. Als Zahnarzt hatte er vorher ca. 25 € im Monat verdient.
Übrigens: Nicht ein einziger Kubaner, mit dem ich sprach, konnte dem politischen System etwas abgewinnen. Das wurde aber nie in der Öffentlichkeit geäußert, sondern immer nur in den eigenen vier Wänden. Viele Dinge des täglichen Lebens erinnerten mich an Zustände, die wir vor 25 Jahren in nächster Nachbarschaft hatten….
Trotz des Widerspruchs zwischen den sozialistisch-revolutionären Durchhalteparolen und der Realität, trotz des großen Gefälles zwischen Arm und Reich – ich bin nur auf fröhliche, freundliche und sehr hilfsbereite Kubaner gestoßen. Selbst als mir in einem kleinen Küstenort die hintere Felge brach, wurde mir umgehend geholfen und der Schaden behoben, was ich mir bei dem Ausmaß an Mangelwirtschaft nie hätte vorstellen können.
Bei der Fahrt durch die vielfältige Landschaft war auffallend, dass viele Landflächen brach lagen, die man für Vieh- oder Agrarwirtschaft nutzen könnte, zumal gerade die Versorgung mit (minderwertigem) Fleisch nur sporadisch erfolgt. Das Angebot und die Versorgung auf freien Märkten ist erheblich besser, kostet nur ein Vielfaches von dem, wie es in staatlichen Geschäften angeboten wird.
Mein Fazit: Alles, was privat angeboten wird, seien es Lebensmittel oder Dienstleistungen,
ist von höherer Qualität, man bemüht sich sehr um die Kunden, man ist motiviert. Genau das Gegenteil ist bei allen staatlichen Einrichtungen und Institutionen der Fall. Neben zwei sehr unerfreulichen „Zwangsbesuchen“ bei der Einwanderungsbehörde sei nur ein Beispiel genannt:
Als ich ein ein Restaurant besuchte, war ich der einzige Gast in dem kargen und lieblos eingerichteten Gastraum. Sechs Kellnerinnen unterhielten sich an einem Tisch, keine bewegte sich zu mir. Erst auf mein Handzeichen wurde diskutiert, wer sich aufraffen sollte, um nach meinen Wünschen zu fragen. Es gab nur ein Gericht – es sollte Schweinekotelett sein. Das Stück Fett kam auf einem Frühstücksteller, garniert mit 2 vertrockneten Scheiben Gurke. Zugegeben – es kostete auch nur 10 CUP (ca. 0,30€), aber die Konsequenz daraus war, dass ich von da an nur noch in den „Casas“ aß, wo die Betreiber mich mit hervorragendem Essen verwöhnten.
In einem Dorf an einer traumhaft schönen Küstenstrasse geriet ich in eine Geburtstagsfeier. Sehr schnell wurde ich aufgefordert, an der Feier teilzunehmen, was ich auch gern tat. Wie auf jeder Reise, hatte ich auch bei der Kuba-Tour meine Musikinstrumente mit, und es dauerte nicht lange, bis die tanzverliebten Kubaner zu irischen Tänzen grazil ihre Körper bewegten.
Zum erstenmal auf all meinen Reisen geriet ich in eine Situation, die für mich hätte tödlich enden können….Es handelte sich lediglich um 2 oder 3 Sekunden, in denen das Schicksal es letztlich doch gut mit mir meinte…..